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Die goliardia in Italien

Traditionelles Studententum zwischen deutscher Inspiration und südländischer Lebensart

Von Gernot Gottwals

Dieser Vortrag wurde auf einer Studentenhistorikertagung vom 3. bis 5. Mai 2002 in Eisenstadt in Österreich gehalten.

Besonderer Dank ergeht an Gianfranco Moscatelli (Sacro Goliardico Ordine dei Clerici Vagantes) für aktuelle Daten und Informationen, an Markus Gail (Turnerschaft Alsatia Straßburg zu Frankfurt a. M. im CC) für die kritische Durchsicht des Skriptes sowie an meinen Vater Manfred Gottwals für die Reproduktion der Bilder.

 

Einleitung

Europa wächst zusammen; ein regelmäßiger Austausch von Universitäten und Studenten auch über die jeweiligen Sprachgrenzen hinweg ist längst selbstverständlich. Dank der heutigen Mobilität und EU-geförderter Programme wie Sokrates kommen deutschsprachige Studenten immer häufiger mit ihren Kommilitonen in Italien in Kontakt. Entsprechend häufiger werden Zusammentreffen von Korporierten aus Österreich, Deutschland und der Schweiz mit italienischen Gleichgesinnten, den goliardi. Und schon der Name lässt schließlich gemeinsame Wurzeln erkennen: Denn goliardi und goliardia sind mit dem bildungssprachlichen Begriff Goliarden (fahrende Scholaren) verwandt.

Andererseits weist das heutige Erscheinungsbild der goliardi durchaus ungewohnte Eigenheiten auf: Denn anders als z. B. bei den Korporierten in Belgien, bei denen Couleur, Brauchtum und Prinzipien weitgehend der deutschsprachigen Tradition entsprechen, zeigen Kleidung, Sitten und Selbstverständnis der goliardi durchaus eigene Merkmale südländischer Lebensart. Es stellt sich sogar die Frage, ob die ordini goliardici (studentischen Orden) als Korporationen nach der wissenschaftlichen Definition der deutschsprachigen Länder betrachtet werden können. Denn es verhält es sich mit ihnen ähnlich wie mit den amerikanischen student fraternities: Gemeinsamkeiten mit den Korporationen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, man muss tiefer schürfen und braucht schließlich ein umfassendes Verständnis der italienischen Kultur, Geschichte und Gegenwart, um Gemeinsames zu erkennen. Dazu soll dieser Vortrag beitragen.

 

Heutige Situation und Struktur der goliardia

Die studentischen Traditionsvereinigungen Italiens, in ihrer Gesamtheit goliardia genannt, gehen in ihrem Ursprung auf eine Bewegung zurück, die seit 1888 von Bologna ihren Ausgang nahm. Jedoch wurden die heute bestehenden rund 80 ordini goliardici mehrheitlich zwischen 1946 und 1950 an italienischen Universitäten gegründet. Nach meinem Kenntnisstand gibt es an Gymnasien und sonstigen höheren Schulen keine entsprechenden Vereinigungen. Alle Orden sind heute geschlechtlich gemischt, die Aufnahme von ausländischen Studenten zumindest aus dem europäischen Kulturkreis gilt als selbstverständlich. Studentisches Fechten als Prinzip ist nicht bekannt, jedoch hat es auf größeren Festlichkeiten schon Schaukämpfe mit Rückgriff auf mittelalterliche Waffenformen gegeben.

Ein Freundschaftsprinzip auf Lebenszeit ist in der Regel nicht festgeschrieben – abgesehen von wenigen Ausnahmefällen, auf die ich noch eingehen werde. Zwar spricht man von »den Alten« (vecchi), die auch in geringer Zahl auf Veranstaltungen auftauchen. Tatsächlich kann man aber nur die jungen goliardi als organisierte Mitglieder betrachten: Legt man davon pro Orden etwa 15 bis 20 zugrunde, so kann man die Gesamtzahl auf etwa 1500 studentische Mitglieder schätzen.

Ordini goliardici gibt es derzeit in etwa 25 nord-, mittel- und süditalienischen Universitätsstädten: Tatsächlich konzentrieren sie sich aber auf den Norden und das Zentrum, dort vor allem auf Bologna, Padua, Florenz, Turin und Triest. In diesen Städten gibt es einen souveränen Dachorden (ordine sovrano), dem jeweils etwa zehn einzelne Orden (ordini vassalli) in der Stadt oder in deren unmittelbarer Nähe unterstellt sind. Ähnlich strukturiert, wenn auch in wesentlich kleinerem Umfang, sind die Orden in einigen Städten wie Pisa, Perugia, Ferrara, Mailand, Rom oder Palermo.

Außerdem gibt es seit 1962 noch einen überregionalen Orden, den Ordine Sovrano dei Clerici Vagantes (Souveräner Orden der Clerici Vagantes) mit Ortsgruppen in den jeweiligen Universitätsstädten. Im übrigen hat jeder Orden einen Vorsitzenden, der Namen wie Pontefice (Pontifex), Conte (Graf) oder Gran Maestro (Großmeister) annehmen kann und unter anderem von Stellvertretern, Schatz- und Zeremonienmeistern unterstützt wird.

In einigen Fällen wurden die Sitten der goliardia von italienischsprachigen Studenten und Studentenverbindungen der Schweiz aufgegriffen, die seit kurzem offenbar eine neue Wiederbelebung erfahren. Anmerkungen dazu gibt es bei P. Krause, O alte Burschenherrlichkeit, und im Civis Academicus, vor allem in älteren Ausgaben ab 1960. Dort wird zum Beispiel eine Brigata Goliardica Ticinese genannt.

Keinen direkten Zusammenhang zu den italienischen Orden weist dagegen die deutschsprachige 1986 gegründete Katholische Akademische Verbindung Capitolina zu Rom auf, die das Brauchtum der katholischen Verbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz pflegt. Entsprechend dürfte es sich mit der ebenfalls in Rom ansässigen schweizerischen StV-Verbindung Helvetia Romana verhalten.

 

Geschichte und Brauchtum

Bologna ist nicht nur die Wiege der gegenwärtigen goliardia moderna, sondern auch der mittelalterlichen nationes, aus denen sich im deutschsprachigen Raum über die alten Landsmannschaften und die freimaurerisch inspirierten studentischen Orden die heutigen Korporationen entwickelt haben. In Italien verlief die Entwicklung anders: Dort blieben zwar die nationes auch in späteren Jahrhunderten als formal-rechtliche und auch gesellige Organisationen bestehen – eine 1542 in Padua gegründete Inclyta Natio Germania existierte sogar bis 1807. Und die Annalen italienischer Unviversitäten berichten bis 18. Jahrhundert hinein von ausgiebigen und ausschweifenden Studentenfesten, die jedenfalls in den Universitätsgeschichten des frühen 20. Jahrhunderts als feste ed eccessi goliardici bezeichnet werden – vor allem in Bologna waren Kommilitonen der seit 1442 belegten Natio Alemanna wohl maßgeblich daran beteiligt.

Doch all diese Aktivitäten hatten eher spontanen und wenig organisierten Charakter. Und als um 1800 die letzten nationes aufgelöst wurden, ging die Überlieferung über die geselligen Lebensformen der altvorderen Scholaren offenbar verloren. In den Lexika fand der Begriff goliardo seinen Platz als Synonym für die Vaganten des Mittelalters. Im anbrechenden 19. Jahrhundert konzentrierte man sich in Italien fortan auf den Ruf der Universität und die Förderung begabter Studenten und Akademiker: Und so gab es als universitäre Vereinigungen vor allem wissenschaftliche Zirkel und literarische Foren.

Beflügelt von einem jugendlich-rebellischen Geist gegen wissenschaftliche Pedanterie gründete ein solches Forum bereits 1877 in Florenz die literarische Zeitschrift: I nuovi goliardi (die neuen Goliarden). Das Zeitalter der Romantik und die 1806 wiederentdeckten Carmina Burana mögen weitere wichtige Motivationen gewesen sein.

Doch diese Initiative hatte mit farbstudentischem Brauchtum noch nichts zu tun. Der entscheidende Anstoß zur Belebung von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Traditionen nach deutschsprachigem Vorbild ging erst zehn Jahre später von Bologna aus: Dort war der namhafte Schriftsteller und Universitätsprofessor für Literaturgeschichte Giosuè Carducci (1861–1903) mit der Planung der für das Jahr 1888 angesetzten 800-jährigen Jubiläumsfeieren der Universität beauftragt. Gerade zwei Jahre zuvor hatte ein Komitee von italienischen Hochschulprofessoren als Repräsentanten an den Feiern zum 500-jährigen Bestehen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg teilgenommen. Diese Fest, das bei der italienischen Delegation offenbar tiefe Eindrücke hinterließ, war maßgeblich von den Heidelberger Korporationen mitgestaltet worden.

So lud Carducci 1888 nicht nur deutsche Universitätsprofessoren ein, sondern auch einige Korporationsstudenten, vor allem aus Heidelberg und Berlin. Und um die bei den pompösen Jubiläumsfeiern engagierten Studenten von Bologna wenigstens ein Stück weit an das Auftreten ihrer chargierten deutschen Kommilitonen anzugleichen, führte Carduccis Festkommittee das Gaudeamus igitur als Studentenhymne ein. Außerdem kreierte er eine Mütze nach dem Vorbild einer Abbildung von 1452, die Studenten der Natio Germanica mit ihrer Kopfbedeckung zeigt: So entstand die orsina in den auch heute noch gültigen Farben der jeweiligen Fakultät: Rot für Medizin, blau für Rechtswissenschaften, weiß für Sprachen und Geisteswissenschaften, etc. Sie wurde jedoch ab1892 nach und nach von der feluca verdrängt, einem Trachtenhut des späteren italienischen Mittelalters.[1] Dieser Hut wird bis heute mit Symbolen der Universität und der Universitätsstadt sowie goldenen Fransen und Borten für erfolgreich bestandene Examina geschmückt. Außerdem wird der neu aufzunehmende goliardo bei der Überreichung der feluca getauft und erhält einen Spitznamen (nome goliardico).

Im Jahr 1892 – man feierte den 500. Jahrestag der Einrichtung eines Lehrstuhles für Galileo Galilei an der Universität Padua – waren aus den ersten losen Zusammenschlüssen nach den Bologneser Jubiläumsfeiern bereits die ersten fest organisierten Universitätsvereinigungen (assocazioni universitarie) entstanden, vor allem in Bologna, Turin, Rom und Padua.

Deren Mitglieder kannten bereits einige der bis heute gebräuchlichen Gesänge, die aus italienischen Studenten-, Volks- oder Trinkliedern abgeleitet waren und sich oft durch eine sehr derbe, zuweilen auch pornografische Sprache auszeichneten. Eine Reaktion der rebellischen Jugend auf die von Kirche und Staat propagierte bürgerliche Moral. Jedoch komponierte man im Andenken an die erst 1870 erfolgte Einigung des Königreiches Italien auch Lieder zum Ausdruck der Vaterlandsliebe – ein Aspekt, der bei den heutigen ordini goliardici eher eine weniger wichtige Rolle spielt.

Außerdem hatte man nach dem Vorbild der fahrenden Scholaren den Wein als offizielles Getränk bei Treffen und kneipähnlichen Abendessen eingeführt, die bis zur Gegenwart in den jährlichen Festbanketten, den cene grandi (großen Abendessen) fortleben.

Eine weitere Tradition der Vaganten, das teatro goliardico, belebten die italienischen Studenten seit 1888 in Form von kleinen kommödiantischen Bühnenstücken. Diese satirischen Stücke, die heute vor allem in Siena und Genua aufgeführt werden, sollen ihren Ursprung vor allem im mittelalterlichen Pavia haben – entsprechende Vorbilder sind uns aber auch in den Carmina Burana belegt. Ein weiteres Ausdrucksmittel der antibürgerlichen Satire waren und sind zahlreiche Zeitschriften aus dem Umfeld der goliardia.

Um 1900 entstanden aus den associazioni universitarie die ersten ordini goliardici mit einer festen hierarchischen Struktur. Diese Hierarchie orientierte sich an deutschsprachigen Vorbildern, jedoch zugeschnitten auf die an italienischen Universitäten übliche Zählung in akademischen Jahren: So finden wir den fuxenähnlichen Status der matricola im ersten Studienjahr, den man nach einem Aufnahmeritual mit Prüfungen, spitzfindigen Wortsspielen und körperlichen Übungen erlangt, dem processo matricolare. Diese Karriereleiter setzt sich fort bis zum altehrwürdigen anziano im vierten Jahr und dem extracursor im fünften Jahr, die auch am ehesten eine Führungsposition im Orden bekleiden können. Dagegen schuf man kein direktes Äquivalent zum »Alten Herrn« – zählte doch die jugendliche studentische Lebensfreude mehr als eine an Prinzipien geknüpfte lebenslange Mitgliedschaft.

Um die Neuimmatrikulierten dreht sich auch eine weitere ebenfalls um 1900 neu belebte Tradition, die festa delle matricole. Dieses Jahresfest markierte mit seinen fast karnevalesk anmutenden Festzügen zugleich die ersten großangelegten Auftritte der goliardi in den Universitätsstädten, in die auch die Bürger einbezogen werden konnten. Es wurde wohl ursprünglich im 13. Jahrhundert als feriae matricularum von Bologneser Studenten anlässlich der Wiedereinsetzung eines vertriebenen Rektors gefeiert.

Wie bekannt die goliardia zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der italienischen Gesellschaft außerhalb der Universität war – wir können es nur schwer ermessen. Mich überraschte jedenfalls, dass der Reiseschriftsteller Felice Pagani in seinem deutschen Tagebuch 1907 die Heidelberger Korporationen beschrieb, ohne auch nur die Spur eines Vergleiches zu den italienischen Orden zu ziehen. In die Literatur sollte die goliardia jedenfalls erst 40 Jahre später mit zwei Nachkriegsromanen eingehen, die Emilio Cioni 1995 und 1996 veröffentlichte[2].

Ein jähes Ende fand die erste Blützezeit der studentischen Orden 1922 mit der Machtergreifung der Faschisten unter Benito Mussolini. Große öffentliche Auftritte wie die feste delle matricole wurden zunehmend verboten, schließlich versuchte man, die ordini goliardici mit den faschistischen Studentengruppen, den Gruppi Unioni Fascisti (GUF), gleichzuschalten. So konnten tatsächlich manche Orden wie der Ordine del Fittone (der heutige Dachorden Bolognas) nur als Schattenorganisationen unter dem Dach der GUF überleben. Andererseits scheuten sich die Faschisten nicht, die feluca und einzelne lebenslustige Studentenlieder für ihren fanatischen Jugendkult zu missbrauchen, der seinerseits zum Vorbild für das Jugendideal der Nationalsozialisten wurde. Heute legt man Wert auf die Feststellung, dass solche Versuche der Faschisten nur von einer begrenzten Zahl linientreuer Studenten mitgetragen wurden.

Seit 1943 war das universitäre Leben in Italien durch den Zweiten Weltkrieg und den Einmarsch deutscher und alliierter Soldaten fast völlig zum Erliegen gekommen. Doch bereits ab 1945 organisierten sich zunächst in Venedig und Florenz, dann auch in Bologna und anderen Universitätsstädten die ersten goliardi in losen Gruppen und strebten eine Wiedergründung ihrer alten Vereinigungen an. Mit Erfolg: So wurden nicht nur die alten städtischen Orden mit ihrem Brauchtum neu belebt, sondern vor allem in Nord- und Mittelitalien auch die zahlreichen untergeordneten ordini vasalli ins Leben gerufen. In Florenz nahmen letztere die Studenten nach der Zugehörigkeit zu den Fakultäten auf, in Bologna war ähnlich wie bei den alten Landsmannschaften die Abstammung aus der jeweiligen italienischen Region von Bedeutung: So erklären sich dort Namen wie Parochia Veneta (Venezianische Pfarrei) oder Cricca Marchigiana (Clique der Studenten aus den Marken). Heute spielen solche Kriterien jedoch keine Rolle mehr.

Mit der neuen Gründungswelle kam bald der Bedarf nach neuen Erkennungszeichen: So führten die goliardi nach dem Vorbild geistlicher und weltlicher Ritterorden Ordensbänder, Ordensketten und vereinzelt auch Schärpen ein, die sie wie die feluca mit Ansteckern schmückten. Diese Anstecker mit Motiven des Ordens, der Universität oder Universitätsstadt werden heute auch verschenkt oder getauscht. Hinzu kamen Rittermäntel für die Studenten höherer Jahre, und in der Hierarchie wurden Begriffe wie scudiero (Knappe), cavaliere (Ritter) und nobile (Adeliger) üblich.

Vor allem die Jahre ab 1950 gelten heute als das goldene Zeitalter der goliardia, mit einer Vielzahl an Orden und glänzenden Studentenfesten im ganzen Land. Fast jeder Student feierte damals mit und ließ sich die feluca aufsetzen, auch wenn er später mit den Orden nichts näheres mehr zu tun hatte. So wurde goliardo fast zu einem Synonym für studente. Auch in den südlicheren Städten wie Rom, Salerno, Palermo oder Messina war die goliardia damals relativ zahlreich vertreten. Und so ist es vielleicht kein Zufall, dass gerade 1951 eine süditalienische festa delle matricole durch die Hintertür Erwähnung in einem erst 1997 veröffentlichten Reisetagebuch fand: Junge deutsche Studenten, die mit dem Motorrad Italien durchquerten, hatten in Bari Zwischenstation gemacht.

Die Gründung des überregionalen Sovrano Ordine dei Clerici Vagantes ab 1962 ist nicht nur wegen seiner großen Verbreitung ein Meilenstein in der Geschichte der goliardia: Erstmals traten damals auch ehemalige Studenten bei, die die feste Absicht äußerten, auch im Alter das Band ihrer Freundschaft aufrechtzuerhalten. Somit standen auch die Ämter für alle Altersgruppen offen. Ein neuer Ansatz, der auch 1983 bei der Gründung des Goliardischen Ritterordens von Slawonien (Goliardico Nobilissimo Ordine Cavalleresco di Slavonia) übernommen wurde. Von anderen Orden ist mir bekannt, dass berufstätige Akademiker ihren aktiven goliardi zumindest eine Wohngemeinschaft finanzieren: Denn eigene Häuser hat es in Italien nie gegeben, in der Regel müssen sich die goliardi bis heute in Cafés, Wirtschaften oder angemieteten Kellerräumen treffen.

Ein weiteres Merkmal der Blütezeit nach 1950 sind außerdem landesweite Zusammenschlüsse zur besseren Kommunikation und Koordinierung von Festivitäten wie der 1961 gegründete Consiglio Superiore della Goliardia Italiana (Oberster Rat der Italienischen Goliardia). Bereits einige Jahre zuvor hatte sich als loser Zusammenschluss die Unione Goliardica Italiana (Italienische Goliardische Union) gebildet: Sie unterstützte auch politisch aktive goliardi, die wiederum Delegationen ihrer Orden in die jeweiligen Studentenparlamente entsandten. So trat die goliardia auch in der Hochschulpolitik vermehrt in Erscheinung. Und ein nicht geringer Teil von Forderungen nach Reformen von Universitätsstrukturen und Studienordnungen, die ab 1968 auch in Italien geäußert wurden, geht auf die Mitarbeit der Unione Goliardica Italiana zurück.

Doch kaum waren die Unruhen von 1968 richtig im Gang, mussten die goliardi das Schicksal der deutschsprachigen Korporierten teilen. Radikal revolutionäre und autonome Studentengruppen ohne jeden Sinn für traditionelle Studentenkultur ließen der goliardia kaum noch Raum in der Öffentlichkeit, an Stelle der gewohnten Feste traten Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und amerikanischen Imperialismus. So musste sich die goliardia immer weiter zurückziehen, nicht wenige Orden schlossen in den 70er Jahren. Doch gerade in dieser Zeit sollte auch eine weitere Neuerung eintreten, die heute nicht mehr in Frage gestellt wird: Die Öffnung der Orden für den Eintritt von Studentinnen. Allerdings gibt es bis heute Orden, die Frauen das Amt des Oberhauptes verweigern.

Erst gegen Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts erholten sich die ordini goliardici einigermaßen von der Krise der vorangegangenen Jahrzehnte. Es wurde wieder üblich, mit feluca und Ordensbändern über die Piazza zu ziehen, auch die festa delle matricole konnte wieder in der Öffentlichkeit gefeiert werden. Seitdem kursiert aber in Italien der Begriff der goliardia d'elite, die nur noch einen geringen Prozentsatz unter den italienischen Studenten ausmacht : Der goliardo versteht sich ganz bewusst als Träger einer Tradition, die aber an der Mehrzahl der Kommilitonen scheinbar spurlos vorübergeht. Zumal auch in italienischen Universitätsstädten heute für Studenten eher ein kulturelles Überangebot besteht, das die soziale Funktion der ordini goliardici deutlich schwächt.

Andererseits bieten die gestiegene Mobilität und die zahlreichen Möglichkeiten für ausländische Studenten in Italien auch neue Chancen für die goliardia: So gelangen heute sogar belgische Korporierte und spanische Traditionsstudenten, die tunos, auf die feste delle matricole und werden honoris causa in einen ordine goliardico aufgenommen. Und italienische Ordensmitglieder, die im europäischen Ausland studieren, schließen sich ebenso selbstverständlich einer Verbindung in Heidelberg, Brüssel oder Salamanca an.

Und einmal mehr findet dieses internationale Selbstverständnis von studentischen Traditionsvereinigungen seinen Niederschlag in Bologna: Durch das vor eineinhalb Jahren gegründete und noch in Einrichtung befindliche Museo degli Studenti e della Goliardia, das entsprechende historische Exponate aus ganz Europa und sogar aus Übersee sammelt. Schließlich wurden in den vergangenen 15 Jahren in Italien einige Bücher zur Geschichte der goliardi und der italienischen Studenten im allgemeinen veröffentlicht. Doch gemessen am Material aus dem deutschsprachigen Raum bleibt noch eine Menge zu tun: Denn das Bewusstsein, dass die jugendlich-spontanen Aktivitäten der goliardia inzwischen eine historische Dimension haben, ist gerade erst richtig erwacht.

 

Schlußfolgerung

Wie wir sehen, nehmen die ordini golardici als Traditionsvereinigungen an italienischen Universitäten durchaus einen Stellenwert ein, der man mit der Rolle der deutschsprachigen Korporationen vergleichen kann. Sie gehen dabei jedoch ihren ganz eigenen Weg und adaptieren das Brauchtum der mittelalterlichen fahrenden Scholaren und der neuzeitlichen Studentenverbindungen in einer Weise, die sich mit der italienischen Lebensart vereinbaren lässt. Nicht immer werden dabei exakt alle Kriterien erfüllt, die im deutschsprachigen Raum gelten, um einen studentischen Verein als Korporation zu definieren.

Am ehesten lässt sich eine solche Übereinstimmung dieser Kriterien in der Motivation finden, in universitätsbezogenen Vereinigungen überliefertes studentisches Brauchtum mit besonderer Betonung von Freundschaft und Geselligkeit zu pflegen. Dagegen ist eine über die Studentenzeit hinausreichende lebenslange Verbundenheit, die man als Lebensbundprinzip bezeichnen könnte, höchstens in Ansätzen vorhanden. Auch das im deutschsprachigen Raum so genannte konventsdemokratische Prinzip wird nicht immer konsequent durchgehalten: So kommt es vor, dass das Oberhaupt eines ordine goliardico auch Entscheidungen nach eigenem Gutdünken trifft und beispielsweise neue Ehrenmitglieder seines Ordens nach eigenem Ermessen benennt, ohne vorher extra eine Versammlung einzuberufen.

Allerdings stellt sich mir die Frage, ob eine Verwandschaft der italienischen ordini goliardici und deutschsprachigen Korporationen wirklich allzu streng an solchen Kriterien festgemacht werden sollte. Vergessen wir nicht, dass diese Prinzipien in erster Linie als Maßstab für korporative Strukturen gelten, die aus der deutschsprachigen Studentengeschichte resultieren. Sie lassen sich deshalb nicht ohne weiteres auf Länder übertragen, die sprachlich und kulturell ihre eigene Entwicklung vollzogen haben. Und während zum Beispiel die belgischen Studenten die Strukturen ihrer Vereinigungen weitgehend nach dem deutschsprachigen Vorbild aufbauten und höchstens einzelne Sitten ihrer Sprach- und Kulturlandschaft angepassten, fanden ihre italienischen Kommilitonen durchaus einer eigenen Form des traditionsorientierten Studententums: Ihnen gaben die deutschen Kommilitonen des ausgehenden 19. Jahrhunderts Inspirationen und einen grob gesteckten Rahmen, den sie mit eigenem Leben ausfüllten – und dabei in ihrer Mentalität die jugendliche Spontaneität einer allzu seriösen durchorganisierten Lebensweise vorzogen.

Was aber trotzdem bleibt, sind die gemeinsamen Wurzeln aus dem Studentenleben des Mittelalters. Diese Wurzeln verbinden deutsch- und anderssprachige Korporierte im engeren Sinn mit Traditionsstudenten wie den italienischen goliardi, den spanischen tunos oder den Mitgliedern der amerikanischen student fraternities. Dem entsprechend bezeichnen die Italiener unsere Burschenherrlichkeit längst ebenso als goliardia wie ihr eigenes Studentenleben. Deshalb sollten wir meiner Meinung nach ihrem Beispiel folgen und sie als gleichgesinnte Geschwister betrachten, mit denen wir den Austausch in einem vereinten Europa suchen.

 

Anmerkungen

[1]
Während sich in Italien die Farbe der feluca nicht nach der Ordens- sondern der Fakultätszugehörigkeit richtet, streben die italienischen Schweizer offenbar eine einheitliche Farbe dieser Kopfbedeckung für die jeweilige studentische Vereinigung an.
[2]
1995 erschien L'angolo degli imbecilli (Die Ecke der Dummköpfe), 1996 Goliardi, beides im Verlag Punto Nuovo Editrice Bologna.

 

Literaturverzeichnis

Bologna University Press (Hrsg.), Gaudeamus igitur, studenti e goliardia 1888–1923, Bologna 1995.
G. Boschetti, Storie della goliardia bolognese dall´orbace alla contestazione, Bologna 1988.
M. Bortolotti, Studenti e goliardia, Museo degli Studenti, Bologna 1997.
M. Collino »Zeus«, Gaudebamus igitur, Turin 1992.
M. Collino, I Clerici Vagantes. Letteratura e teatro della moderna goliardia (Abschlussarbeit), Turin 1990/1991.
R. Girtler, Die Buntheit des Couleurstudententums und seine vagantischen Wurzeln, in Gaudeamus igitur, studentisches Leben einst und jetzt, Wien 1992, S. 415–422.
G. Gottwals, Der Sprachgebrauch der ordini goliardici (Abschlussarbeit), Heidelberg 1998.
G. Gottwals, Ordini goliardici, in GDS-Archiv für Hochschul- und Studentengeschichte, Band 4, Köln 1998, S. 168–170.
P. Krause, O alte Burschenherrlichkeit, 2. Auflage, Graz 1997.
J. Kurz, Die Universität auf der Piazza, Köln 2001.
R. Lill, Geschichte Italiens der Neuzeit, Darmstadt 1988.
G. F. Moscatelli, La goliardia in Bologna dal 1945 al 1996, Bologna 1996.
Il Punto (Hrsg.), I canti goliardici, Edizione Biblioteca P., Turin 1997.
W. Rüegg (Hrsg.), Geschichte der Universitäten Europas, Band II, München 1996.
A. Sorbelli, Storia della università di Bologna, Volume I: Il Medio Evo, Bologna 1944.
A. Sorbelli, Storia della università di Bologna, Volume II: L'età moderna, Bologna 1948.
A. Viscontri, La storia dell'università di Ferrara (1391-1950), Bologna 1950.
U. Volpini, La Goliardia, canti e tradizioni, Neapel 1994.

 

 

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